
684 Kilometer, vier Tage, sieben Fahrer, sieben Simson-Mopeds und ein gemeinsames Ziel: Kap Arkona auf Rügen. Was als verrückte Idee begann, wurde zu einer Reise voller Pannen, Landschaftserlebnissen und echter Kameradschaft.
Von Robert Wappler
Ursprung. Es ist Donnerstag, der 18. Juni 2026, kurz vor neun Uhr morgens. Vor dem Bahnhof in Ursprung stehen sieben Männer neben ihren Mopeds – Thomas Weigel mit seinem Schwager Ronny Lose, Andreas Klöden sowie die Chemnitzer um Robert Förster, Michael Kaden, Thomas Kempe und Robert Wappler die im Motorsportverein Simsonfreunde Ursprung organisiert sind. Zur Verabschiedung finden sich auch Bewohner des Dorfes und Fotografen und Redakteure der Presse ein. Der Duft von Zweitaktgemisch liegt in der Luft, Motoren knattern im Leerlauf. Die Maschinen stammen aus einer anderen Zeit: zwei Simson S51, eine S50, ein Sperber, ein Star und zwei seltene Albatros-Mopeds. Ihr Ziel liegt fast 700 Kilometer entfernt – am nördlichsten Punkt der ehemaligen DDR, dem Kap Arkona auf der Insel Rügen.


Begleitet wird die Gruppe von zwei Fahrzeugen besetzt mit Wolfgang Lose, Madlen Weigel-Lose und ihrem Sohn Kurt. Eines der Fahrzeuge zieht einen Transportanhänger, der die Mopeds später zurück ins Erzgebirge bringen soll. Das zweite dient dem Rücktransport der Fahrer. Doch zunächst zählt nur die Straße vor ihnen.
Durch das Erzgebirge in die Mark Brandenburg
Die erste Etappe führt über rund 200 Kilometer von Ursprung bis nach Luckenwalde. Bewusst meiden die Fahrer Autobahnen und Bundesstraßen. Stattdessen rollen die Simsons über Land- und Kreisstraßen durch das Erzgebirge, vorbei an Nadel- und Mischwäldern, Feldern und kleinen Ortschaften.
Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 40 Kilometern pro Stunde wird schnell deutlich, dass diese Reise anders ist als jede Autofahrt. Man sieht mehr, riecht mehr und erlebt jede Steigung unmittelbar.
Ein besonderer Moment wartet an der Elbe. Bei Prettin setzt die Gruppe mit der Fähre über. Die Mopeds stehen dicht nebeneinander auf dem Deck, während der Fluss gemächlich vorbeizieht.




Als die Fahrer am Abend Luckenwalde erreichen, haben sie bereits viele Stunden im Sattel verbracht. Belohnt werden sie mit einem gemeinsamen Besuch in einem griechischen Restaurant. Anschließend geht es in die Pension „Turmklause“, wo die erste Nacht der Reise verbracht wird.
Kiefernwälder, Sandwege und ein Motorschaden
Am nächsten Morgen startet die zweite Etappe. Wieder liegen etwa 200 Kilometer vor den Fahrern. Die Landschaft verändert sich spürbar. Die Hügel werden flacher, die Wälder lichter. Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern präsentieren sich mit endlosen Kiefernwäldern, Seen und weiten Ebenen.
Eine weitere Fährüberfahrt führt die Gruppe über die Havel am Schwielowsee bei Caputh. Doch am Nachmittag endet die Idylle abrupt. Einer der beiden Albatros-Motoren gibt auf.



Mitten auf der Strecke ist klar: Der Motor muss ersetzt werden. Zunächst wird improvisiert. Der betroffene Fahrer steigt auf ein mitgeführtes Ersatzfahrzeug vom Typ SRA50 um, damit die Reise fortgesetzt werden kann.
Zugleich werden die Straßen anspruchsvoller. Immer häufiger führen die Navigationsgeräte über sandige Waldwege, verschlammte Passagen, alte Plattenstraßen und holpriges Kopfsteinpflaster. Die Mopeds werden ebenso gefordert wie ihre Fahrer.
Das Tagesziel erreichen die Erzgebirger schließlich in Prälank bei Neustrelitz. Das Hotel und Café Prälank liegt direkt an einem See und bietet nach dem langen Fahrtag die perfekte Kulisse für eine Pause. Beim gemeinsamen Abendessen wird die Tagesetappe ausgewertet.
Doch der Feierabend muss noch warten.
Schrauben bis Mitternacht
Der defekte Albatros-Motor soll nicht bis zum Ende der Reise stillgelegt bleiben. Also wird Werkzeug ausgepackt. Ein Ersatzmotor befindet sich im Begleitfahrzeug – und noch am selben Abend beginnt die Reparatur.
Bis weit nach Mitternacht schrauben die Männer gemeinsam an der Maschine. Jeder hilft mit. Einer reicht Werkzeug, der nächste hält eine Lampe, ein anderer baut Teile aus oder wieder ein.
Was auf den ersten Blick wie eine Reparatur wirkt, wird zum Sinnbild der gesamten Reise: Niemand bleibt allein mit einem Problem.
Oder wie es später in der feierlichen Abschlussrede heißen wird: „Wo ein Schraubenschlüssel gebraucht wurde, war eine helfende Hand zur Stelle. Wo ein Rat nötig war, fand sich ein erfahrener Kamerad.“


Über den Rügendamm auf die Insel
Mit funktionierendem Albatros geht es am dritten Tag weiter. Die längste Etappe der Reise führt über rund 270 Kilometer von Prälank bis nach Breege/Juliusruh auf Rügen.
Eigentlich war eine Überfahrt mit der Fähre bei Stahlbrode geplant. Doch dort wartet eine Überraschung: Die Fähre ist wegen eines technischen Defekts außer Betrieb.
Kurzerhand wird die Route geändert. Der Tross fährt über Stralsund und erreicht die Insel schließlich über den historischen Rügendamm.


Die Ursprunger meinten vor dem Tourstart, sie wollen nicht über Chemnitz fahren. Sie wurden eines besseren belehrt.
Mittlerweile haben die Fahrer mehr als 600 Kilometer auf den Mopeds zurückgelegt. Die letzten Kilometer werden zur Geduldsprobe.
„Keiner konnte mehr richtig sitzen“, erinnert sich einer der Teilnehmer später lachend. Jede Bodenwelle wird spürbar, jeder Kilometer zählt doppelt.
Doch schließlich rollen alle sieben Mopeds ohne weitere größere Ausfälle in Breege ein. Am Abend wartet ein Fischrestaurant am Bodden auf die erschöpfte, aber glückliche Reisegruppe.



Das Ziel vor Augen
Am Sonntagmorgen stehen nur noch wenige Kilometer bis zum großen Ziel an. Die Simsons fahren die letzte Strecke hinauf zum Kap Arkona.
Als die historischen Mopeds direkt am Leuchtturm aufgestellt werden, ist die Erleichterung spürbar. Nach 684 Kilometern haben die Fahrer ihr Ziel erreicht.
Bei einer feierlichen Ansprache würdigt Madlen Weigel-Lose die Leistung der Teilnehmer.
„Ihr habt bewiesen, dass wahre Abenteuer nicht von der Größe des Motors abhängen, sondern von der Größe des Herzens“, sagt sie. Und weiter: „Als ihr schließlich das Kap Arkona erreichtet und die Ostsee vor euch lag, wart ihr nicht mehr dieselben, die einst in Ursprung aufgebrochen waren. Ihr wart reicher an Erfahrungen, Geschichten und gemeinsamen Erlebnissen.“
Besonders hervorgehoben wird dabei der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe. Gegenwind, Ermüdung, technische Probleme und lange Tagesetappen hätten die Männer nur gemeinsam meistern können.



Alte Technik beweist Zuverlässigkeit
Bemerkenswert: Nicht die jüngeren Fahrzeuge sorgten für die größten Schlagzeilen, sondern die ältesten.
Der Simson Star aus dem Baujahr 1968 absolvierte die gesamte Tour ohne jede Panne. Auch der Sperber von 1969 zeigte beeindruckende Zuverlässigkeit. Lediglich die Feder des Hauptständers ging auf einer Kopfsteinpflasterstraße verloren.
Angesichts des Alters der Maschinen ist das eine bemerkenswerte Leistung.


Nach der Rückkehr nach Breege werden die Mopeds schließlich auf den Transportanhänger verladen. Zahlreiche Spanngurte sind nötig, um die Fahrzeuge für die Heimreise zu sichern.
Anschließend genießen die Teilnehmer noch einige Stunden am Ostseestrand und wagen den Sprung ins kühle Wasser.
Am Montag, dem 22. Juni, endet das Abenteuer mit der Rückfahrt der Fahrer im Begleitfahrzeug nach Ursprung.
Mehr als nur eine Mopedtour
Zurück bleiben Erinnerungen an vier außergewöhnliche Tage. An Fähren und Feldwege, an Waldstraßen und Küstenwind. An ölverschmierte Hände, lange Abende und unzählige Gespräche am Straßenrand.
Oder wie es in der Abschlussrede treffend formuliert wurde:
„Die Fernfahrt von Ursprung nach Kap Arkona gilt als erfolgreich durchgeführt, ehrenvoll bestanden und für alle Zeiten anerkannt.“
Für sieben Männer aus dem Erzgebirge war es weit mehr als eine Reise. Es war ein Abenteuer im Rhythmus des Zweitakts.

Video folgt nach dem Schnitt.
